Wenn man einen Internetauftritt realisieren lassen möchte (Website als Visitenkarte, Inter-Company-Plattform, E-Commerce), schreibt die Vernunft vor, eine Anforderungsspezifikation zu erstellen, um die eigenen Erwartungen und Bedürfnisse klar zu definieren.
So gesagt, klingt es wie eine unerschütterliche Wahrheit. Und doch: In der Praxis ist es sehr oft die Ursache für zahlreiche Probleme und tiefgreifende Enttäuschungen.
Warum? Die meisten Menschen, die sich im Web etwas aufbauen möchten, haben keinerlei Erfahrung und nur wenig Fachkompetenz in diesem Bereich. Sie haben zwar Wünsche und Träume, aber keine Vorstellung davon, was kostet , was effektiv ist und was den entscheidenden Unterschied zu ihrem Markt ausmacht.
Hier sind vier typische Anforderungsspezifikationen, die sehr häufig zu Misserfolgen führen.
Die optimistische Anforderungsspezifikation
Mein Favorit. Man erkennt sie am Auseinanderklaffen zwischen überzogenen Erwartungen und einem verzweifelt niedrigen Budget.
Beispiel :
„Wir möchten ein System zur Verwaltung von Videos einrichten, in dem Nutzer die von anderen Nutzern angesehenen Videos in Echtzeit ansehen können. Für die Besucher werden kostenpflichtige Videos angeboten……“
Budget : 500 Euro, ein Aufschlag für bestimmte zusätzliche Funktionen ist möglich.
YouTube für 500 Euro, mit einem Trinkgeld am Ende.
Die naive Anforderungsspezifikation
Eine Win-win-Situation für unseriöse Dienstleister.
Beispiel :
„Der Dienstleister sorgt für ein gutes Ranking bei Google, die Website muss angenehm anzusehen sein.“
Das ist schließlich nur eine Frage der Auslegung. Wie wollen Sie als Profi erklären, dass es SEO gibt und noch einmal SEO, und dass das Corporate-Design im besten Fall nur 20 % des Preises eines Projekts ausmacht?
Am Ende erfolgt der Vergleich der Angebote also am Preis, denn jeder wird ohne zu lachen behaupten: „Die Website wird ein gutes Ranking haben und sie wird angenehm anzusehen sein.“
Die zielorientierte Anforderungsspezifikation
Die Auswahl der Tools, bevor man überhaupt über den Bedarf nachdenkt.
Beispiel :
„Der Dienstleister muss ein Content-Management-System nach seiner Wahl umsetzen, vorzugsweise Joomla.“
Ganz egal, dass Joomla Hunderte von Sicherheitslücken hat, solange die Website dazu bestimmt ist, vertrauliche Informationen zu speichern: Der Sohn des IT-Verantwortlichen mag Joomla eben.
Die niemals fertig werdende Anforderungsspezifikation
Ein Klassiker, vor allem in Organisationen mit mehreren Unternehmen. Man versucht, beim ersten Anlauf ein ideales System zu schaffen, um alle Beteiligten zufriedenzustellen. Da jeder unterschiedliche Ideen hat und wenig Abstand, gerät man in Diskussionen, die sich über mehrere Jahre hinziehen. Wenn schließlich ein Dokument herauskommt, hat sich die Technologie und auch die Nutzung inzwischen weiterentwickelt, und der Zusammenschluss löst sich auf. Immerhin hat niemand Zeit verloren, um zu antworten.
Also was tun…
- Die operativen Ziele festlegen: Ich strebe X Besucher, Y Anfragen für Kostenvoranschläge und Z Umsatz über das Web an.
- Auf dieser Grundlage eine Budgetbewertung bei mehreren Dienstleistern durchführen lassen, mit Aktionsplan als Grundlage.
- Ein Partner auswählen, der anhand seiner Fähigkeit nachweisen kann, dass er die Ziele im von ihm vorgeschlagenen Budget erreichen kann, und nicht anhand der Websites in Flash, die er in der Vergangenheit gebaut hat, selbst wenn es davon 2350 sind.
- Das Projekt mit dem ausgewählten Partner reifen lassen und die zu verfolgenden Leistungsindikatoren festlegen.
- Eine Bestellung aufgeben, die Bonusleistungen an Ziele knüpft, und dem Partner für die Laufzeit einen Servicevertrag vorschlagen.
Aber für YouTube für 500 Euro habe ich keine Lösungen.